Ein Bild enthält ein Geheimnis.
Es kommt nicht darauf an, ob das Bild gemalt, fotografiert, gezeichnet, geschrieben, gedruckt, plastziert ist. ob analog oder digital, von Hand gemacht oder maschinell. Vielleicht gibt es auch kein reales Bild, sondern nur eine Beschreibung. In jedem Fall ist ein Bild ein Abbild von etwas. Das etwas mag ein Gedanke, ein Gefühl, eine Stimmung, ein Wort, einen Blick, irgendeinen Auslöser haben, der dann zum Bild geraten ist.
Enthält jedes Bild ein Geheimnis? Zumindest das Geheimnis seines Ursprungs. Oder man könnte auch fragen, was hat der Künstler sich dabei gedacht?
Beispiel: „Comedian“ von Maurizio Cattelan
Hier sollte eigentlich das konzeptuelle Werk „Comedian“ von Maurizio Cattelan zu zu sehen sein. Aus Gründen des Copyright füge ich hier nur den Link auf das öffentliche Bild bei Wikipedia ein: Weiter zu „Comedian“
Mensch oder Maschine - Analog oder digital
Müssen wir an der Stelle unterscheiden, ob ein Bild von einem Menschen gemacht wurde – egal ob analog oder digital. Kann ein Bild, das von einer Maschine hergestellt wurde überhaupt ein Geheimnis enthalten?
Was verstehen wir unter einem Geheimnis? Woraus besteht das Bild – oder erweitert: das Kunstwerk? Handelt es sich dabei nur um den Gegenstand, die Farbe auf der Leinwand, die Leinwand selbst, das Dargestellte, das Betrachtete, das aufgenommene Bild oder auch die Reaktion darauf.
Ein Bild spricht, ein Bild spricht den Betrachter an, der Betrachter sieht das Bild, das physische Objekt, den Gegenstand. Erschöpft sich das Gesehene darin oder enthält es auch noch die Idee, den Beweggrund des Künstlers, es zu erzeugen? Enthält das Objekt auch den Gedanken des Betrachters. Worin liegt das Geheimnis?
Verfremdungskaskade
Die Skulptur „HIM“ ist entstanden aus einer Verfremdungskaskade: Cattelan sieht schockartig den Mini-Adolf vor seinem geistigen Auge, ordentlich gescheitelt, wie ein Schuljunge gekleidet, knieend und betend und dabei in einem Werk der „entarteten Kunst“ gefangen – quelle idée! Er übersetzt das Bild in Worte, in eine schriftliche Beschreibung, bei deren Lektüre vor dem Bildhauer Daniel Druet ein ganz anderer kleiner Hitler erscheint, den er in eine Wachsfigur transfiguriert, die fortan allein als das Werk Cattelans gelten wird. Dabei handelt es sich bei der endgültigen Form der Plastik um die Interpretation eines Lesers und also um eine spezifische aus zahllosen Varianten, die möglich wären – und die im Resonanzraum eines jeden Betrachters wiederum eine einzigartige Vollendung finden wird.
Link zum Werk Maurizio Cattelans betendem Hitler (HIM), einem Beitr aus „Die Presse“
In dieser Skulptur steckt die Idee des Künstlers, der nur konzeptionell arbeitet. Er beschreibt sein gedachtes Bild, der Bildhauer liest die Beschreibung, hat ein eigenes Bild und formt es in Wachs, der Betrachter sieht die Plastik und hat eine Wahrnehmung, die in ihm etwas bewegt, auslöst.
Steckt all das in der Plastik oder alleine schon im Gedanken, bevor es Konzept und dann realisiert wird?

